Lausitzer Gebirge
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Velenické údolí - Pusté kostely
(Wellnitztal - Wüste Kirchen)

Zwischen Lindava (Lindenau) und Velenice (Wellnitz) fliesst die Svitávka (Zwittebach) durch ein etwa 3 km langes Tal, dessen steile waldbewachsene Hänge von Sandsteinfelsen gerahmt sind. Das Tal beginnt am Südrande von Lindava und läuft in einigen Krümmungen am Nord- und Ostfusse des Ovèí vrch (Schafberg) bei Svitava (Zwitte) entlang, dreht sich dann in einem scharfen Bogen nach Osten und fliesst in dieser Richtung weiter nach Velenice. Der engere Teil des Tales unter dem Ovèí vrch hiess früher Èertùv dùl (Teufelsgrund). Im unteren Teile bildet die Svitávka eine weite Wiesenaue, an deren Nordrande die Strasse hinführt. Im Tale gibt es einige interessante Stellen, die an die bereits seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts betriebene Spiegelfabrikation erinnern.

Ehemalige Wellnitzer Spiegelschleiferei.

Im Tale befanden sich zwei Spiegelschleifereien, deren Gebäude sich bis heute erhalten haben. Die erste von ihnen steht im mittleren, dem schönsten Teile des Tales, etwa 800 m östlich von Svitava an der rechten Seite der Strasse nach Velenice. Es ist dies ein langes, im Erdgeschoss steinernes Gebäude mit Fachwerk-Obergeschoss, in dem sich ausser den Werkstätten auch die Wohnungen des Verwalters und des Wächters befanden. Auf ihrem Dache stand früher ein Türmchen mit einer Glocke, die 1918 in die Kirche von Lindava übertragen wurde. Diese Spiegelschleiferei liess Graf Josef Johann Maximilian Kinsky bereits im Jahre 1767 bauen. Weil die hier der Obrigkeit gehörenden Grundstücke nicht zum Bau der Fabrik geeignet waren, schloss der Graf am 7. Juli desselben Jahres einen Vertrag über ihren Umtausch gegen eine zur Bauernwirtschaft der Veronika Fischer in Svitava gehörende Wiese ab. Auch die Grundstücke zur Führung des Mühlgrabens in die Fabrik wurden durch Tausch mit den Besitzern zweier Bauernhöfe in Lindava gewonnen. Man schliff hier die Spiegel auf 8 durch einen sinnreich konstruierten Wasserradmechanismus angetriebenen Poliertischen. Das Wasser zum Antrieb wurde durch einen im Felsen ausgehauenen Tunnel zugeleitet, dessen Bau 31 000 Gulden, d.i. das Dreifache der Kosten der ganzen Fabrik einschliesslich der Schleif- und Poliermaschinen, gekostet haben soll. In alten Chroniken wird berichtet, dass Graf Kinský, um die Fabrik bauen zu können, die Höfe Radošín, Martinoves and andere verkaufen musste.
Das Gebäude der ehemaligen Spiegelschleiferei Rabstein. Die Fabrik gehörte ursprünglich zur Gemeinde Svitava, aber bald bürgerte sich für sie die Bezeichnung "Wellnitzer Spiegelfabrik" ein, trotzdem bei der Landesvermessung im Jahre 1842 die Gemeindegrenze im Tale an den Bachlauf verlegt wurde, wodurch die Fabrik zum Kataster von Lindava kam.
Im Jahre 1854 liess Graf Karl Kinsky etwa 1 km weiter östlich von ihr in Richtung auf Velenice eine zweite Spiegelfabrik bauen, die nach dem Felsen, an dem sie steht, "Rabstein" genannt wurde. Ihr schönes einstöckiges Gebäude wurde an die steile hohe, damals Fuchsschwanzfelsen genannte Felswand angebaut, in die auch ein Teil der Produktionsräumlichkeiten eingehauen wurde.
Im Jahre 1875 wurde die ältere Wellnitzer Spiegelfabrik umgebaut und beide Fabriken arbeiteten blieben dann bis in die Zeit der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts im Betrieb. Am Ende des 2. Weltkrieges sollte das damals bereits verlassene Gebäude der Wellnitzer Spiegelfabrik zur Produktion von Flugzeugkanonen umgebaut werden, aber bis zum Kriegsende gelang es nicht, den Umbau fertigzustellen, sodass zur Produktion nur die nahen unterirdischen Räumlichkeiten genutzt werden konnten.

Reste des Wehres am Ende des Tunnels am Svitávka- (Zwitte-) Bach.

Der Antrieb der beiden Spiegelfabriken ist ein bemerkenswertes technisches Denkmal. Es beginnt im oberen Teile des Tales an einer früher Schwarzes Wehr (Èerný jez) genannten Stelle. Hier wurde der ursprüngliche Lauf des Svitávka-Baches künstlich abgedämmt und in einen breiten, im Sandsteinmassiv ausgehauenen Tunnel eingeleitet. Der Tunnel ist mit einem Wehr abgeschlossen, dessen Reste noch heute zu sehen sind. Dicht oberhalb des Wehres zweigt vom Tunnel der Gang des ehemaligen Mühlgrabens ab, der sich kurz danach zur Oberfläche öffnet. In die Felsen an seinem Eingange sind die Jahreszahlen 1779 und 1872 eingegraben. Von hier setzte sich der Graben entlang der Strasse als offener Kanal fort und trat etwa 500 m weiter in einen Felsentunnel.
Anfang des ehemaligen Antriebskanals oberhalb des Wehres. Dieser relativ breite und hohe Gang ist etwa 200 m lang und an manchen Stellen sind an seinen Wänden noch Reste einer früheren erhöhten Stufe erhalten geblieben. Nach etwa 50 m befindet sich in der Seitenwand des Tunnels eine in eine geräumige, wahrscheinlich durch Abbau von Sand entstandene Höhle führende Öffnung. Dieser riesige Raum mündet mit einem grossen Portale in das Tal hinaus, und aus ihm führt ungefähr in westlicher Richtung eine etwa 25 m lange Erkundungstrecke. Der Tunnel der Hauptstrecke setzt sich weiter fort und nach etwa 25 m zweigt von ihm nach links eine zum grössten Teile verschüttete Seitenstrecke ab, die nur etwa 20 m weiter nach einem kurzen Bogen wieder in die Hauptstrecke einmündet. Noch ein Stück weiter zweigt nach rechts eine andere Strecke ab, die nach etwa 40 m wieder in das Tal hinausführt. Am Felsen über ihrem Portale steht die Jahreszahl 1848. Die Hauptstrecke setzt sich dann noch etwa 90 m bis zum Ende des Felsmassives fort, wo in einem engen Spalt eine Treppe mit wenigen Stufen aus ihr zur Erdoberfläche hinaufführt, während der Mühlgraben durch einen niedrigen, voll ausgemauerten Durchlass unter der Strasse zur ehemaligen Wellnitzer Spiegelfabrik weiterführt. Nach der Fertigstellung der Rabsteiner Spiegelfabrik wurde der ganze Mühlgraben angepasst und bis zur neuen Fabrik verlängert. Von der Wellnitzer Spiegelfabrik führte er noch etwa 500 m als oberflächlicher Graben neben der Strasse weiter und führte dann durch einen heute verschütteten, durch den Felsen gehauenen Tunnel direkt in die Rabsteiner Spiegelfabrik.

In den hiesigen Spiegelfabriken, aber auch in anderen Glasmanufakturen auf der Herrschaft Sloup wurde zum Schleifen der Spiegel Sand verwendet, der in einigen unterirdischen Brüchen gewonnen worden ist. Die benötigten vier verschiedenen Sandkörnungen wurden durch Schlämmen des aus einer etwa 1,5 m mächtigen, zu diesem Zwecke besonders gut geeigneten Sandsteinschicht abgebauten Sandes gewonnen. Im Laufe dieses etwa 150 Jahre dauernden Abbaues wurden in die Sandsteinfelsen ausgedehnte, an Labyrinthe erinnernde unterirdische Räumlichkeiten mit flach gewölbten Decken gegraben, die gegen den Einsturz durch stehengelassene riesige Felspfeiler geschützt sind.

Eingang in den grössten unterirdischen Sandbruch. Das Innere des unterirdischen Sandbruches, in dem der noch vor kurzem Gemüse gelagert wurde.

Der grösste dieser Brüche befindet sich im Nordhange des Tales etwa 150 m östlich der alten Spiegelfabrik. Seine ausgedehnten, in das Felsmassiv gegrabenen Räumlichkeiten reichen bis etwa 60 m tief ins Innere des Felsens, sind etwa 140 m breit und bis etwa 3,5 m hoch. Die verhältnismässig flache Decke der Höhle wird von etwa 30 riesigen Stützpfeilern getragen.
Gegen Ende des 2. Weltkrieges wollte man in diese Räumlichkeiten die Werkstätten des Bremer Flugzeugkonzerns Weser, in denen Schnellfeuer-Flugzeugkanonen MK 108 hergestellt wurden, aus dem polnischen Kalisz übersiedeln. In den unterirdischen Räumen wurden deshalb Betonfussböden gelegt und die Räumlichkeiten wurden mit Hilfe von Ziegelmauern in einige Abteilungen eingeteilt. Ursprünglich rechnete man mit einigen hundert Arbeitern, für die ein Barrackenlager am Rande von Velenice errichtet werden sollte. Am Ende arbeiteten hier aber nur einige zehn Arbeiter, denn aus Polen konnte nur ein kleiner Teil der Produktionseinrichtungen abtransportiert werden. Zum Einschiessen der fertigen Kanonen wurde in einem nahen Nebentale eine Prüfungsschiessstätte eingerichtet.
Nach dem Kriege wurde der grössere Teil der unterirdischen Räumlichkeiten noch einmal, und zwar zu Lagerhallen umgebaut und diente bis zum Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zur Lagerung von Gemüse. Trotzdem also diese Höhlen durch Bauarbeiten ihre frühere romantische Schönheit verloren haben, ziehen sie durch ihre Ausdehnung die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Im Jahre 2002 wurden deshalb von der Lindenauer Firma Ajeto in ihr eine untraditionelle Johannisnacht-Feier veranstaltet. Ein Jahr später hat man hier eine Gaststätte für Motorradfahrer geöffnet.

Blick von der Strasse auf die Höhle Pustý kostel (Wüste Kirche).

Ein zweiter unterirdischer Sandsteinbruch befindet sich etwa 250 m westlich der ehemaligen Wellnitzer Spiegelfabrik an der Stelle, wo die Strasse das Tal verlässt und in Richtung auf Svitava zu steigen beginnt. Dieser Bruch, der als Pustý kostel (Wüste Kirche) bezeichnet wird, ist zwar etwas kleiner, hat sich aber in seinen ursprünglichen Charakter fast ganz erhalten können, weil er von späteren Einbauten nur wenig gelitten hat. Aus einem ovalen Raume, der an drei Seiten von Felsgewölben umgeben ist, steigt man hinunter in die dunklen kühlen Räume der Höhle, deren Boden etwa 1,5 bis 2 m unter dem Niveau der Umgebung liegt. Die allmählich sich senkende Decke wird von 16 stehengelassenen Felspfeilern gestützt, stellenweise tropft von ihr durch die Spalten des Felsenmassives durchgesickertes Wasser herunter. Auch hier findet man Reste von Ziegelmauern aus der Zeit, als man einen Teil dieser unterirdischen Hallen zu Lagerräumen hergerichtet hatte. An einem kleinen Felsblock rechts vom Eingange in die Höhle befindet sich ein von einem unbekannten einheimischen Künstler in den Felsen gemeisseltes Kreuzigungs-Relief.
Ein dritter, viel kleinerer unterirdischer Sandbruch befindet sich am Südhange des Tales gegenüber der alten Spiegelfabrik in einem Felsenmassiv, auf dem die unscheinbaren Überreste der Felsenburg Vejrov stehen.

Eingangshalle der Höhle Pustý kostel (Wüste Kirche). Die Räumlichkeiten des Pustý kostel (Wüste Kirche).

Aussichtspunkt auf dem Felsen oberhalb der Spiegelfabrik.

Ungefähr halbwegs zwischen den beiden Spiegelfabriken ragt bis an die Strasse ein überhängender, zum Teil zurechtgehauener Felsen vor, in den eine kleine Kapelle des hl. Antonius eingehauen ist. Von ihr hat sich der Altarsockel mit dem Platz für eine Statue und ein stark beschädigter Reliefschmuck erhalten. Am oberen Rande des oberhalb der ehemaligen Spiegelfabrik Rabstein stehenden Felsens befindet sich ein in den Felsblock gehauener Aussichtspunkt mit einer steinernen Bank, zu der eine in einer engen Spalte zwischen zwei Felsen hergerichtete Treppe führt. Früher gab es von hier eine schöne Aussicht auf Velenice und den Velenický kopec (Wellnitzberg), heute ist sie allerdings von hochgewachsenen Bäumen stark beeinträchtigt. Unter dem Aussichtspunkt sind in einem Nebental die Überreste der Prüfungsschiessstätte aus dem Jahre 1944, und zwar Teile eines Betonbunkers zur Befestigung der Kanonen und eine als Kugelfang dienen sollende, jetzt zugeschüttete Nische am Fusse der gegenüberliegenden Felswand erhalten geblieben. In diesem Tale aufwärts führt ein Weg an einer Kapelle mit dem stark beschädigten Relief der Kreuzigung Jesu vorbei um den Vìneèek (Kränzelberg) herum zur Strasse von Lindava (Lindenau) nach Brništì (Brins). Am Ende des Haupttales des Svitávka-Baches (Zwittebach) vor Velenice befindet sich ein grosser Sandsteinbruch, in dem man Blöcke zum Hausbau gebrochen hatte. Seine hohen Wände sind durch ihre bunte, durch Beimischung von Eisenverbindungen rostbraune und Flechten bedingte grüne Färbung interessant. An der gegenüberliegenden Talseite sind auf dem Gipfel eines steil aufsteigenden bewaldeten Felsrückens die Überreste des Velenický hrádek (Wellnitzer Schloss).

Relief der Kreuzigung neben dem Pustý kostel (Wüste Kirche). Felsenkapelle des hl. Antonius.

 


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