Petrovice
(Petersdorf)

Petrovice (Petersdorf) ist ein kleines Vorgebirgsdorf nahe der Staatsgrenze, gelegen am Oberlauf des Baches Kněžický potok, etwa 4,5 km nördlich von Jablonné v Podještědí, zu dem es heute administrativ gehört. Wie auch andere Dörfer in der Umgebung, wurde der Ort offenbar im Zuge der Besiedelung des böhmischen Grenzgebietes im 13. Jahrhundert angelegt, eine erste schriftliche Erwähnung findet sich aber erst im Jahre 1391, als Petrovice zur Gabler Herrschaft gehörte. Der Ort liegt an einem alten Handelsweg, der aus Böhmen über Jablonné nach Zittau führt und zu dessen Bedeutung Karl IV. maßgeblich beitrug, indem er ihn zwischen 1343 und 1357 ausbauen ließ und den Kaufleuten verbot andere Wege in die Lausitz zu benutzen. Die Bewohner von Petrovice und des benachbarten Lückendorfs verdingten sich damals neben der wenig ertragreichen Landwirtschaft, der Viehzucht, der Waldarbeit und dem Handwerk auch als Fuhrleute zur Überwindung des Gebirges. Von der einst regen Nutzung der hiesigen Wege zeugt auch eine antike Münze mit dem Bildnis des römischen Kaisers Gallienus aus dem Jahr 258, die auf den Feldern bei Kněžice gefunden wurde.
Die vorteilhafte Lage am Handelsweg brachte aber auch Probleme zu Kriegszeiten. Während der Hussitenkriege wurden der Ort und die umliegenden Dörfer vollständig niedergebrannt und auch während des 30-jährigen Krieges litten die Dorfbewohner offenbar sehr. So zog angeblich der Winterkönig Friedrich V. von der Pfalz nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berg im November 1620 hier durch ins schlesische Breslau. Im Jahr 1717 befanden sich im Ort ein herrschaftliches Gehöft und 28 Häuser, in denen 195 Bewohner lebten. Das Leben im 18. Jahrhundert erschwerten die preußisch-österreichischen Kriege, und trotzdem es hier nicht zu unmittelbaren Kampfhandlungen kam, mussten sich die Dorfbewohner um die Unterbringung und Verpflegung der Soldaten und um Futter für die Pferde kümmern. Im Jahre 1745 wurde Petrovice von Trencks Panduren geplündert und im Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 wurden von Soldaten am nahe gelegenen Červený vršek (Roter Hübel) Schanzen angelegt. Zu einigen wenigen Scharmützeln kam es hier auch 1778. Im darauffolgenden Jahr unternahm Kaiser Josef II. eine Inspektionsreise durch Nordböhmen, auf welcher er am 17. September auch nach Petrovice kam.
Auch während der Napoleonischen Kriege im August 1813 drangen einige Soldaten des polnischen Fürsten Poniatowski in die hiesige Gegend vor und lagert etwa 10 Tage am sogenannten Polakenhübel bei Petrovice. Am Abend des 19. Augusts machte Napoleon mit seinem Gefolge an der hiesigen Zollstation auf dem Weg nach Jablonné Halt um Landkarten zu sichten. Neben den Kriegen plagten die Bewohner auch verschiedenste Krankheiten, insbesondere die Pest, welche hier in den Jahren 1518, 1568, 1607 und 1680 wütete. In den Jahren 1770 bis 1772 war Petrovice vom Typhus und 1850 von der Cholera betroffen.

Petrovice hatte noch nie eine eigene Pfarre, die hiesige Kirche der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, erbaut im Jahre 1816, war nur eine Filialkirche der Pfarrkirche in Jablonné. Ab dem 17. Jahrhundert verbreitete sich im Dorf die heimische Herstellung von Garn, Tuch und Baumwollstoff. Im Jahre 1843 erreichte der Ort seine höchste Einwohnerzahl von 913, mit dem Aufkommen der Textilindustrie in den größeren Städten und Gemeinden kam die Heimproduktion jedoch schrittweise zum Erliegen und eine Reihe der Weber ging zur Arbeit in die Fabriken nach Jablonné, Loučná oder Hrádek.
Im Dorf gab es auch eine Schule. Anfangs wurde in verschiedenen Privathäusern unterrichtet, doch schon im Jahre 1777 errichtete die Gemeinde ein eigenes Schulgebäude. Dieses reichte aber im Laufe der Zeit nicht mehr aus, so dass 1872 ein weiteres Klassenzimmer in einem anderen Gebäude eingerichtet wurde. 1897 wurde am südlichen Ende des Ortes ein neues mehrstöckiges Schulgebäude mit zwei Klassenzimmern errichtet.

Ein großes Haus mit einem Holzzimmer und Fachwerk im Stock am nördlichen Ende des Dorfes.
Ein großes Haus mit einem Holzzimmer und Fachwerk im Stock am nördlichen Ende des Dorfes.

Im Jahr 1900 hatte Petrovice 142 Häuser mit 756 Bewohnern. Der Erste Weltkrieg forderte im Ort 39 Gefallene und Vermisste, denen später ein Denkmal errichtet wurde. In den Jahren 1922 bis 1925 wurde der Ort an das elektrische Netz angeschlossen. Noch vor Ende des 2. Weltkrieges lebten in Petrovice 532 Menschen, nach der Vertreibung der deutschen Bewohner in den Jahren 1945 bis 1946 war der Ort jedoch völlig entvölkert, da nur wenig neue tschechische Umsiedler hierher kamen. Eine Reihe der Häuser blieb so verlassen und ein Teil von ihnen wurde später abgerissen. Einige Häuser nutzten Prager Unternehmen als Erholungszentren. Nach dem kommunistischen Umsturz 1948 wurde das Privatgewerbe liquidiert und im Ort verblieb nur ein Gasthaus und ein Konsum. Im Frühjahr 1951 wurde hier eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft gegründet, welche aber nach drei Jahren zerfiel, so dass die Bauern für eine Zeit lang zur Privatwirtschaft zurückkehrten und im Jahre 1958 dem staatlichen Agrarbetrieb beitraten. Die anderen Dorfbewohner mussten zur Arbeit nach Jablonné oder in weiter entfernte Orte pendeln. Seit Anfang der 60. Jahre wuchs das Interesse an den unbewohnten Häusern, die man sich als Wochenendhäuschen herrichtete. Die Zahl der ständigen Bewohner sank zusehends und 1973 musste wegen des Kindermangels die Schule geschlossen werden. Zum 1. Januar 1981 wurde Petrovice zusammen mit weiteren Gemeinden in der Umgebung an Jablonné v Podještědí angegliedert.

Auf der Anhöhe in der Mitte des Dorfes steht die spätbarocke Kirche der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, deren Bau im Jahre 1815 begonnen wurde und die am 11. November des darauffolgenden Jahres geweiht wurde. Die Kirche wurde auf den Ruinen des ehemaligen, herrschaftlichen Getreidespeichers errichtet. Reste der Mauern mit den typischen Fenstern sind bis heute Teil der Nord- und Westwand der Kirche. 1884 wurde die Kirche renoviert. Den einschiffigen, rechteckigen Bau schließt ein teilweise geschlossener Chor ab, auf dessen südlicher Seite sich die Sakristei befindet. In der Westwand befindet sich das verzierte Eingangsportal aus Sandstein und am Giebel ragt ein kleiner hölzerner Turm mit einem Zwiebeldach und einer Laterne hervor. Die Innenausstattung stammt zum Großteil aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auf einem der Seitenaltäre befand sich eine bemerkenswerte Statue des hl. Josef aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Künstlerisch wertvoll waren auch die Rokokobildnisse des hl. Laurentius und der Jungfrau Maria aus der Zeit um 1758. Auf der von zwei Säulen getragenen, hölzernen Empore befand sich die klassizistische Orgel vom Orgelbauer Johann Michael Nass aus Zakupy aus dem Jahr 1830. Nach dem 2. Weltkrieg verfiel die Kirche und diente einige Zeit als Lager, so dass sich heute in ihr nur noch der beschädigte Hauptaltar mit dem Bildnis der hl. Dreifaltigkeit, die Kanzel und das Taufbecken erhalten haben. Andere Ausstattung inklusive der Kirchenbänke wurde gestohlen oder zerstört. Seit 2014 wird die Kirche schrittweise wieder in Stand gesetzt.

Nördlich der Kirche steht das mehrstöckige Backsteingebäude der ehemaligen Zollstation aus dem Jahre 1784, in der am 19. August 1813 Napoleon Bonaparte halt machte. Eines der ältesten Häuser im Ort war wohl der Kretscham am südlichen Ende des Dorfes, der früher Teil des herrschaftlichen Gutshofes war. Später befand sich in ihm das Gasthaus „Zum Herrenhaus“ und heute dient es dem selben Zwecke, als Gasthaus „U Lípy“ (Zu den Linden). In dessen Nachbarschaft steht ein barocker Glockenturm aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, der aus einem prismatischen Turm mit Zwiebeldach und Laterne besteht und an den später eine kleine Kapelle mit Kreuzgewölbe angebaut wurde.

Neuzeitlicher, hölzerner Glockenturm in der Dorfmitte. Rechts davon steht das Palme-Kreuz.
Neuzeitlicher, hölzerner Glockenturm in der Dorfmitte. Rechts davon steht das Palme-Kreuz.

An der Kreuzung unterhalb der Kirche steht ein neuzeitlicher, hölzerner Glockenturm und neben ihm das Palme-Kreuz, welches der Dorflehrer Wenzel Herrgeschell im Jahre 1847 am eingegangenen Palm’schen Gasthaus am Nordrand des Dorfes errichtet hatte. Von dort wurde es in den 90er des 20. Jahrhunderts an seinen jetzigen Standort verbracht und im Oktober 2005 renoviert. Etwa 60 m nordwestlich davon, steht an der Weggabelung ein steinernes Denkmal für die Opfer des 1. Weltkrieges, geweiht am 23. August 1925. Am selben Ende des Weges, rechter Hand davon, steht zwischen zwei Linden ein hoher Sandsteinsockel mit der hölzernen Statue des hl. Johannes Nepomuk, welche 1863 vom hiesigen Bauern Josef Schubert errichtet wurde. Im Juni 2006 wurde das Denkmal auf Initiative der ehemaligen deutschen Bewohner renoviert.

Etwa 1 km südlich vom Ortszentrum, auf der rechten Seite der Straße nach Jablonné v Podještědí steht im Schatten dreier Linden ein denkmalgeschützter Bildstock im Volksmund „Blaue Kapelle“ genannt. Auf einem breiten, verzierten Sockel befindet sich ein schmaleres Kapitel mit Kreuz, in dessen Nische eine kleine Statue der Jungfrau Maria geschützt durch ein eisernes Gitter steht. Das Denkmal ließ 1680 Johann Jakob Schmidt aus Jablonné errichten.

Irgendwo am östlichen Hang des Sokol (Falkenberg) gab es früher einen Eisenerzstollen, dessen Ursprung wohl im 16. oder 17. Jahrhundert liegt. Nordwestlich der Ortschaft befand sich einst ein Kalkofen, der den hiesigen kalkhaltigen Sandstein verarbeitete. Spuren davon waren angeblich noch in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zu erkennen.

In Petrovice wurde Rudolf Walda geboren, Leiter der Realschule in Česká Lípa, sowie Gründer und langjähriger Vorsitzender des Nordböhmischen Exkursionsklubs.

Weitere Informationen

Text: Jiří Kühn; Übersetzung: Robert Knothe, Juni 2020.