Lausitzer Gebirge
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Bibliothek des Lausitzer Gebirges

Ein fast vergessenes Kriegerdenkmal bei der Kreuzbuche

      Lange habe ich gezögert, ehe ich mit der Niederschrift über Kriegsdenkmale beginnen konnte. Die massiven Kriegerdenkmäler haben mich nie besonders angesprochen. Oft sind sie aus Granit, dessen geschliffene Oberfläche Kälte ausstrahlt. Die in Tafeln eingravierte Namensliste gefallener Soldaten ist schmerzend lang. Als der Erste Weltkrieg (1914-1918) zu Ende ging, gab es in unseren Ländern kaum eine Familie, die nicht ihren Vater, Sohn oder Bruder verloren hatte. Ihr alphabetisches Verzeichnis auf den Gedenktafeln erschreckt mich. Die tröstenden Worte vom Heldentod fürs Vaterland beeindrucken mich nicht. Aus dem Herzen sprechen mir die Worte am Mahnmal bei der Kirche am Oybin: "Wir gedenken der Toten des letzten Krieges, die durch Kampf jeder Art ihr Leben verloren haben, weil der Hass auf der Welt größer war, als die Liebe."
      Von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wird manchmal behauptet, sie sei eine Epoche gewesen, in der die Welt noch intakt war. Sicher ist, dass dieser Weltkrieg einen unglaublichen Wendepunkt der Geschichte darstellte, von dem wir uns nicht erholt haben. Der Verlust eines nahen Menschen war nicht nur ein persönlicher Schmerz, er war auch ein Schlag für eine konkrete Menschengemeinschaft. Das Zusammengehörigkeitsgefühl war damals bedeutend ausgeprägter als heute. Ich kenne keine Gemeinde unserer Heimat, die damals ihren Toten kein Denkmal errichtet hätte. Mit ihrer Inventarisierung mögen sich professionelle Denkmalschützer befassen.1)
      Lauschen wir lieber zurück in jene Zeit nach dem ersten großen Krieg, in welcher der Schmerz um die Toten noch in den Seelen brannte und ehrendes Gedenken für die Gefallenen, gleich ob Freund oder Feind, noch nicht von blindwütigen Ideologien überschattet war. Blättern wir in zeitgenössischen Nachrichten und betrachten wir die geschichtlichen Hintergründe eines einzigen Kriegerdenkmales näher. Es steht am Abhang des Kleinen Ahrenberges direkt an der Straße von Kreibitz nach Böhmisch-Kamnitz, nur 1 km vom ehemaligen Forsthaus Kreuzbuche entfernt. Hier verläuft die natürliche Grenze zwischen dem Oberland und dem Niederland, das sich von dort an zum Kreibitztal absenkt. Das Denkmal besteht aus Quarzit, gebrochen in unmittelbarer Nähe, ist etwa 2,5 m hoch und steht auf einem breiten Sockel. Die Inschrift auf einer Bronzetafel lautete: "Den im Weltkriege gefallenen Forstbeamten der Domaine Böhm. Kamnitz in getreuem Gedenken gewidmet vom Herrschaftsbesitzer Ullrich Ferd. Kinsky und ihren Kollegen." Darunter befanden sich die Namen der fünf an der russischen und italienischen Front gefallenen Forstleute2) und die Abkürzung RIP. Am Tag der Enthüllung, am 19. Juli 1921, begab sich ein langer Zug zu dem Gedenkstein. An der Spitze schritten der Herrschaftsbesitzer Herr Ullrich Ferd. Kinsky samt Gemahlin und zwei Brüdern. Dann Herr Bischof Groß aus Leitmeritz, dann Graf Trauttmannsdorff, die ganze Geistlichkeit des Patronates und der Umgebung, die Eltern der Gefallenen, die Stadtvertretung von Böhmisch-Kamnitz und Kreibitz, dann die Bezirksvertretung, Gemeindevertreter von Hasel, die Forstbeamten der Domäne und benachbarter Herrschaften, die Schützen von Kreibitz in corpore, die dortige Offizierskameradschaft und zahlreiche Vereine der Umgebung, darunter alle Kameradschaftsverbände, und viele hundert Personen, die Anteil nahmen. Das Hornquartett aus Schönlinde eröffnete die Trauerfeier mit dem Liede "Über allen Wipfeln ist Ruh!". Hierauf hielt Herr Bischof Groß eine zu Herzen gehende Ansprache und segnete das Denkmal ein, Kränze und Tannenreiser wurden niedergelegt und die Schützen gaben eine Salve ab. Es sprach noch der Herrschaftsbesitzer Kinsky und der Rentverwalter Herr Weselsky tröstende Worte zu den anwesenden Eltern und allen Betroffenen. Zum Schluss gelangte durch das Hornquartett das "Abblasen der Jagd" zum Vortrag, diesmal nicht einer Jagd im grünen Tann, sondern dem Ableben hoffnungsvoller junger Menschen geltend. Noch verweilte die Menge an diesem idyllischen Ort, dann verwaiste das Denkmal. Hie und da brachte wohl noch jemand von den Hinterbliebenen einen Blumenstrauß hierher. Nach 1945 wurden auch die Hinterbliebenen der Gefallenen vertrieben, sofern sie nicht selbst im Zweiten Weltkrieg gefallen sind. Die Pflege des Denkmals, die seinerzeit dem Revierverwalter, Herrn Franz Proysa aus Kreibitz3) anvertraut wurde, brach natürlich auch jäh ab. Die Bronzetafel wurde entfernt und endete in einer Buntmetallsammlung. Kein Wunder, dass auch der Zahn der Zeit dem Denkstein arg zusetzte. Gestrüpp überwucherte allmählich seine Umgebung und so zerbrach sich mancher den Kopf, welche Bewandtnis es mit diesem Denkmal haben könnte. Als ich im Jahre 1990 nach seiner Bedeutung forschte, war niemand mehr da, der mir Auskunft geben konnte. Der Zufall wollte es, dass gerade zu dieser Zeit mein Kreibitzer Freund Franz Seidl auf eine authentische Nachricht über die Errichtung des Denkmals stieß und dass es gelang bei den zwei nächstgelegenen Gemeindeämtern Interesse an der Renovierung zu wecken: Die Kreibitzer stellten eine Gruppe von Arbeitslosen, welche im Mai 1993 das zerfallene Denkmal wieder herrichteten. Auf Bestellung des Stadtamtes von Böhmisch-Kamnitz schuf der Bodenbacher Steinmetz Jan Pokorný eine neue Gedenktafel aus Marmor.4)
      Welch Schmerz muss damals in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg die Herzen der Hinterbliebenen erfüllt haben? Heute rasen Autos an dem Denkmal vorbei, kaum jemand wirft einen Blick hinüber zu dieser Gedenkstätte. Möglicherweise macht aber doch jemand Halt und liest verwundert die Tafel. Vielleicht zerbricht er sich sogar den Kopf wegen des sinnlosen Ablebens der Menschen, die aus den Kriegen nicht mehr heimgekehrt sind. Vielleicht macht er sich auch Gedanken über das viele Leid auf unserer Erde? Ob uns wohl ein kleiner Lichtstrahl in eine bessere Welt leuchtet?

Anmerkungen und Literatur

  1. Nach dem Kriegerdenkmalverzeichnis des ehem. Kreises Tetschen-Bodenbach, das Peter Joza im Jahre 2000 zusammenstellt hat, gab es bis 1945 in diesem Kreisgebiet 95 Kriegerdenkmäler. Davon sind bis zu dem heutigen Tag 12 unbeschädigt erhalten geblieben, 7 wurden renoviert und 44 vollständig abgetragen.
  2. Forstadjunkt Franz Hyhlik, Fähnrich (+23. 10. 1914 Ivangorod, Russland), Forstadjunkt Alois Peischl, Fähnrich (+23. 10. 1914 Ivangorod, Russland), Forstkontrollor Ernst Eiselt, Leutnant (+26. 7. 1915 in Italien), Forstadjunkt Julius Palme, Leutnant (+7. 6. 1916 in Italien), Forstadjunkt Ernst Krügner, Leutnant (+28. 1. 1918 in Italien).
  3. F. Reeschuch: Kriegergedenkstein. NEC, 44. Jg., S. 86-87. B. Leipa 1921.
  4. Ihr Wortlaut stimmt mit der ursprünglichen Tafel fast überein. Damit das Denkmal von der tschechischen Bevölkerung auch angenommen und verstanden wird, steht unten ein zusammenfassender Text in Tschechisch. Mit der Installierung der Gedenktafel am 6. Mai 1994 fand die Renovierung ihr Ende.

 


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