Lausitzer Gebirge
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Bibliothek des Lausitzer Gebirges

Kapellen am Wegesrand

      Das Reisen gehört heute zum Alltag. Die Straßen sind vollgestopft mit Autos und die Menschen eilen nervös umher - die einen wollen hin, die anderen her. Und wenn sie angekommen sind, eilen die einen wieder her und die anderen wieder hin. In alten Zeiten war dem nicht so...
      Vor dem Bau der theresianischen Straßen verlief das Wegenetz anders als heute. Die Siedlungen waren damals kleiner, die Wälder größer und das Straßennetz teilte man nicht in Autobahnen, Schnellstraßen, Straßen örtlicher Bedeutung und wer weiß was noch ein. Die Verbindungswege glichen eher den Wildwechseln der Tiere oder den Pfaden der Ameisen. Niemand projektierte sie, sie entstanden als Trampelpfade oder unzählige Fuhrwerke hatten sie im Laufe der Zeit im Gelände ausgefahren. Wenn der Weg unbefahrbar wurde, entstand daneben ein neuer. Als Folge des Bremsens auf bergigen Strecken und von Wasserabspülung haben sich einige Wege tief in das Erdreich eingegraben und sind zu Hohlwegen geworden, besonders im steilen Gelände. Der Wegverlauf mied meistens die Täler und Schluchten, wo sich Sümpfe erstreckten, und bevorzugte langgestreckte Höhenkämme. Zur Sicherung einiger Straßen wurden Burganlagen geschaffen, die die Sicherheit der Reisenden gewährleisten sollten. Wenn Sie sich zum Beispiel im 14. Jahrhundert entschlossen hätten, von Böhmisch-Leipa über Zwickau in die Oberlausitz zu reisen, dann würden die Knappen von der Burg Mühlstein Ihren Wagen über das Gebirge begleitet haben.
      Ein alter Handelsweg aus Böhmen in die Oberlausitz führte auch über Kreibitz und Schönlinde. Man fuhr damals nicht den Umweg über Teichstatt, denn die heutige Straße wurde erst später ausgebaut, sondern direkt durch den Wald. Etwa auf halbem Weg, zwischen Kreibitz und Schönlinde, wurde am Hang des Steingeschüttes (auch Karlshöhe genannt) eine Waldkapelle1) erbaut; wohl, damit sich die Reisenden im Walde nicht so einsam fühlen sollten. Oder, um Gottes Schutz für ihre Reise zu erbitten, wenn sie schon kein bewaffnetes Geleit hatten. Wer weiß? Mancher Heimatforscher, wie z. B. der Rumburger Oberlehrer Hoffmann, vertrat die Ansicht, dass die Gegend zwischen Pickelstein, Iricht und der Kapelle eine wichtige heimatliche Sagenstätte darstelle. Ein anderer Heimatforscher, der reichlich mit Phantasie begabt war, verband die Örtlichkeit sogar mit der Gründung und Namensgebung von Warnsdorf. Danach soll am nahen Drachenstein jener Lindwurm gehaust haben, vor dem der Einsiedler Wernar die Wanderer warnte und den der herrschaftliche Oberförster Hans Michel angeblich im Jahre 1673 erlegte.2)
      Verlassen wir nun den erlegten Lindwurm, der heute zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten gehörte (wenn ihn Hans Michel nicht erlegt hätte), und versuchen einen realistischeren Einblick in die Vergangenheit zu nehmen. Die Wirklichkeit ist oft nicht weniger fesselnd als die Phantasie. Allein der Name der Kapelle, "Pfaffenkapelle"3), erinnert an Zeiten, als dieser Waldweg nicht so unbedeutend war wie heute. Die Bezeichnung entstand nach dem Dreißigjährigen Krieg, in der Zeit der Rekatholisierung, als die katholische Seite nicht über genügend Priester verfügte. Schönlinde war deshalb in den Jahren von 1651 bis 1724 nur eine Filiale der Kirche in Kreibitz. Der horizontale Waldweg, der Pfaffensteig genannt wurde, diente damals auch als sogenannter Leichenweg. Da Schönlinde keinen eigenen Pfarrer besaß, mussten die Leichen von dort zur letzten Ruhestätte auf den Kreibitzer Friedhof getragen werden. Einer Sage nach soll sie der Pfarrer auf dem halben Wege bei der Pfaffenkapelle abgeholt haben. Aus dieser Zeit mag auch der längst in Vergessenheit geratene Bergname Pfaffenberg für das jetzige Steingeschütte herrühren.4) Eine andere, wahrscheinlichere Version erzählt, man habe den Kreibitzer Pfarrer hier vor Schönlinde erwartet und beim Heimweg wurde er wieder bis zur Kapelle begleitet.5) Der Weg behielt seine Bedeutung auch nach Errichtung einer selbständigen Pfarrei in Schönlinde. So fuhr auch der Kaiser Josef II. an der Kapelle am 21. September 1779 vorbei.6) Über das weitere Schicksal der Kapelle wissen wir nur, dass sie im Jahre 1899 von ruchloser Hand zerstört und das Jahr darauf - am 5. August - von Wohltätern renoviert wurde. Der akademische Maler August Frind aus Schönlinde berichtete uns darüber7) und hat auch die renovierte Kapelle auf einigen Zeichnungen festgehalten.8) Die Renovierung im Jahre 1900 muss sehr gründlich durchgeführt worden sein, denn noch nach 1980 war in der Kapellennische ein blechernes Bild, welches die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten darstellte, vorhanden. Freilich in sehr verkommenem Zustand. Am Giebel der Kapelle kam sogar noch eine übertünchte Inschrift "Renoviert von Gutthätern...1900" hervor. Doch der Zahn der Zeit nagte unaufhaltsam an dem alten Gemäuer und es schien schon, als ob die Pfaffenkapelle dem Schicksal jener religiöser Objekte folgen würde, welche das letzte halbe Jahrhundert nicht überdauerten. Als ich im Herbst 1987 wieder einmal von Teichstatt die rote Markierung zum Kalkofen ging, grüßte mich schon von weitem die weiß leuchtende, wiederhergestellte Andachtsstätte. Sie hatte einen neuen Anstrich und auch ein neues Dach bekommen.9) Das Jahr darauf wurde auch ein neues Bild mit dem selben Motiv gemalt.
      Der Pfaffensteig geleitet uns zu den ersten Häusern von Teichstatt, zu dem sogenannten Pass. Hier verläuft eine wichtige europäische Wasserscheide. Früher rühmte man sich mit dem Haus Nr. 67, wo man beim Regen beobachten konnte, wie das Wasser von einer Dachseite ins Kreibitztal floss, und somit in die Nordsee. Von der anderen Dachseite wurde das Wasser auf die entgegengesetzte Seite geleitet, und es floss also in die Ostsee.10) Lassen wir aber ungestört das Regenwasser in die beiden Meere fließen und wandern wir weiter den markierten Weg nach Kreibitz. Nach wenigen Minuten erreichen wir die zweite Kapelle unserer Wanderung. Sie ist schlanker und höher als die Pfaffenkapelle. In der Nische erblicken wir ein Bild, das die Anbetung der hl. Drei Könige darstellt. Im rechten Teil des Bildes (1 x 1,60 m) sieht man eine hölzerne Behausung, darunter die Mutter Gottes mit dem kleinen segnenden Christkind auf dem Arm und den hl. Josef daneben stehend. Vor ihnen die hl. Drei Könige, der erste kniend. Diese Wandmalerei war in der Nische mit einem verrosteten Blechbild verdeckt und wurde erst bei der Renovierung im Jahre 1994 entdeckt.11) Daraufhin versuchte ich weiteres über diesen Feldaltarbildstock herauszubekommen. Die Suche nach näheren historischen Zusammenhängen blieb jedoch erfolglos. Die Vermutung, diese Stätte könnte mit den Schweden in Zusammenhang zu bringen sein, die einst in der Nähe Schanzen aufwarfen, ist naheliegend, aber nicht beweisbar.12) Außer der Jahreszahl 1775 unter dem Giebel, die wohl das Erbauungsjahr angibt, blieb die Kapelle für mich mit einem Schleier des Schweigens verhüllt.13) Ich fing langsam an, mich damit abzufinden, bis ich auf eine unerwartete Spur stieß.
      Im Altenheim in Philippsdorf besuchte ich den neunzigjährigen Wanderfreund Edwin Kos aus Teichstatt. Ich hielt den Atem an, als er erzählte, denn es kam mir wie ein Märchen vor. Edwin berichtete über das "Passer Fest", das hier abgehalten wurde. Die Feier fand am Dreikönigstag, also am 6. Jänner, statt. An der feierlich geschmückten Kapelle fanden sich Leute aus der nächsten Umgebung ein und es wurde eine kurze Andacht gehalten. Wie bei einem richtigen Fest gab es manchmal auch "Buden", aber nur, wenn ausreichend Schnee gefallen war, der die "Schneebuden" herbeizauberte.
      Mit welcher Phantasie und welchem Feingefühl für die Umwelt konnten doch die früheren Generationen die Feiertage erleben! Die Stimmung brachte damals noch nicht das Fernsehen ins Haus, sondern sie wurde von Menschen, die noch in der Tradition und der Landschaft wurzelten, selbst gestaltet.
      Warum probieren wir eigentlich nicht, dieser Atmosphäre nachzuspüren? Suchen wir doch am 6. Jänner nach "Schneebuden" oder anderen Überraschungen, die die Natur für uns vorbereitet hat! Am besten, man nimmt eine Schar Kinder mit und zündet in einer Kapelle eine Kerze an. Und wenn wir dann in die Kinderaugen schauen, erblicken wir eine andere, verzauberte Welt. Es würde mich nicht wundern, wenn Kaspar, Melchior und Balthasar persönlich vorbeikämen.

Anmerkungen und Literatur

  1. Die "Pfaffen Capelle" ist erstmals mit dem unweit gelegenen "Pfaffen Brunn" auf der Bestandskarte der Kinskyschen Forste von 1795 eingetragen. Leitmeritzer Staatsarchiv, Zweigstelle Tetschen, RLK Èeská Kamenice, VS Èeská Kamenice, Bestandskartensammlung.
  2. Der Pickelstein bei Kreibitz. Niederlandbote 1930, S. 27. Warnsdorf 1929.
  3. Pfaffe, ursprüngliche Bezeichnung für kath. Priester oder Geistliche. Ungefähr seit Luther und von diesem in verächlichem Sinn gebraucht. Meyers Lexikon., 8. Band, S. 1074. Leipzig 1940.
  4. F. A. Mussik: Der Markt Schönlinde, S. 3, 67-68. Prag 1820.
  5. R. Klos: Pøehled dìjin mìsta Krásné Lípy s okolím. S. 39-40. Krásná Lípa 1997. Die Bezeichnung "Leichenweg" gebrauchte man für Wege, auf denen sich Leichenzüge zum Friedhof begaben. Dieser Name ist aber für den Pfaffensteig nicht überliefert geblieben.
  6. F. Hantschel: Nordböhmischer Touristenführer, S. 190-191. Böhmisch Leipa 1907.
  7. A. Frind: Die Pfaffencapelle. Correspondenzen. München, 17. November 1900. NEC, 24. Jahrgang., S. 399-400. B. Leipa 1901.
  8. Die Skizzen befinden sich in Frinds Nachlass im Museum in Rumburg. Daraus ist ersichtlich, dass sich über dem Giebel der Kapelle ein Kreuz befand.
  9. Für die Betreuung der Kapelle gehört besonderer Dank an Frau Magdalena Schaller aus Teichstatt Nr. 165, welche fast dreißig Jahre lang die Kapelle mit Blumen schmückte. Die Renovierung der Kapelle im Jahre 1987 wurde von dem Forstmann Mikša Peterka aus Schönbüchel Nr. 74 vorgenommen.
  10. Siehe Anmerkung 6.
  11. Auf dem Blech war eine schon sehr verwitterte Kopie der Wandmalerei vorhanden. Auf der Rückseite des Blechbildes befand sich eine gut erhaltene Inschrift: "Neu hergerichtet unter dem derz. Besitzer Eduard Vogt im Jahre 1935 durch Fr. J. Gampe, Teichstatt." Die Renovierung im Jahre 1994 wurde von dem Teichstätter Handwerker Veverka auf Kosten des dortigen Gemeindeamtes durchgeführt.
  12. A. Gampe: Andachtsstätten an den Wegen des Kreibitztales. UN 494/1991, S. 8.
  13. Genauso wie markante Punkte der Landschaft oder wie andere Flurdenkmäler diente sie als Grenzpunkt bei der Festlegung der Gemeindemarkierung. Dies ist ein Kennzeichen für den alten Ursprung der Kapelle. Noch heute stoßen hier die Katastralgemeinden von Niederkreibitz und Neukreibitz aneinander.

 


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