Lausitzer Gebirge
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Bibliothek des Lausitzer Gebirges

Das Schillerdenkmal am Tannenberg

      Zu den Bergeshöhen richteten die Menschen ihre Blicke seit jeher. Neben schwerer Arbeit, mit der sie ihren Lebensunterhalt sicherten und wo sie ihren Blick zur Erde senkten, gab es in ihrem Leben auch Momente, da sie den Blick höher zum Horizont erhoben. Es ist daher kein Wunder, dass sich die Berge in ihrem Unterbewusstsein als ein Ort der Beständigkeit und Sicherheit einprägten, wo ihre Phantasie herumirrte oder wo man den Göttersitz vermutete. Nicht umsonst wurden über die Berge die schönsten Bücher geschrieben, und auch in der Bibel ist das Motiv der Berge oft zu finden. In den Psalmen erhebt der Mensch seinen Blick zu den Bergen und ruft: "Woher kommt mir Hilfe?"1)

      Das Interesse für unsere Bergwelt im heutigen Sinn erwachte in unseren Gegenden erst in der Zeit der Spätromantik im 19. Jahrhundert. Das Wandern war vorher aus zeitlichen Gründen unbekannt. Die Bevölkerung der dicht besiedelten Täler nördlich vom Lausitzer Gebirge betrachtete lange Zeit den Tannenberg als den höchsten Berg in ihrem Blickfeld. Wenn wir die geometrischen Messungen außer Acht lassen, können wir dem heute noch zustimmen; mit seiner dominierenden Lage und Erhabenheit beherrscht er die weite Umgebung. Schon im Jahre 1779 zog er den Kaiser Josef II. an, der den weiten Fernblick von seinem Gipfel rühmte.2) Diese einzigartige Aussicht war auch der Hauptgrund, der die Menschen immer wieder hierher zog. Die Touristenzeitschrift "Aus Deutschen Bergen" rühmt den Blick mit den Worten "er wetteifere an Lieblichkeit mit jenen im Mittelgebirge, an Erhabenheit komme er einem Alpenpanorama gleich und besitzt dabei doch die Waldromantik des Böhmerwaldes."3) Vor dem Bau des Aussichtsturmes war es möglich, die Aussicht von drei Punkten des damals noch gänzlich bewaldeten Tannenberges zu genießen. Die Blickfelder reihten sich so geschickt aneinander, dass sie eine vollkommene Rundsicht ergaben. Um dies von einem einzigen Punkt zu ermöglichen, errichtete der Gebirgsverein4) im Jahre 1891 auf dem Gipfel einen steinernen Aussichtsturm. Am Tag der Eröffnung strömten in frohen Scharen verschiedenste Wandergruppen zum Gipfel. Am Eingang des Festplatzes hatte man eine kleine Ehrenpforte aus Tannenreis errichtet, die mit dem Spruche: "Auf den Bergen wohnt die Freiheit!" und mit schwarz-rot-goldenen Flaggen geschmückt war. Neben Ansprachen der Gebirgsvereinsobmänner Josef Menzel (St. Georgenthal) und Dr. Hille (Schönlinde) ergriff der Bezirkshauptmann Køikawa aus Rumburg das Wort. Es folgte lebhafter Beifall, nachdem ein kleines Mädchen mit einer gereimten Ansprache einen Strauß von auf dem Tannenberg gezogenem Edelweiß dem Herrn Obmann Dr. Hille überreichte. Dieser dankte nochmals dem Baukomitee und dem Baumeister und lud die Festgäste zur Besichtigung des Turmes ein, um nachher "ein dreimaliges Hoch auf den Kaiser, als den Schützer und Schirmherrn aller freiheitlichen Errungenschaften, auszubringen, in welches die Anwesenden, lebhaft einstimmten, während die Musikkapelle die Volkshymne intonierte."5) Neben dem Aussichtsturm ließ der Grundherr Fürst Ferdinand Kinsky eine Bergbaude errichten. Seit dieser Zeit wurde der Tannenberggipfel zu einem beliebten Ziel zahlreicher Schulklassen, Familienausflüge, Wanderer und anderer Naturliebhaber. In früheren Zeiten war es üblich, hier zu übernachten, um den Sonnenaufgang im Lausitzer Gebirge genießen zu können. Im Jahre 1893 kam es am Tannenberg zu einem weiteren festlichen Ereignis, einer Sonnwendfeier, welche 1891 von den Gebirgsvereinsabteilungen in unseren heimatlichen Bergen eingeführt worden waren. Auf dem Tannenberg erschienen damals Wanderer aus ganz Nordböhmen.6)
      Neben dem Aussichtsturm und dem Bergrestaurant wurde am Gipfel im Jahre 1905 ein drittes Bauwerk errichtet, ein Denkmal zum Gedenken an Friedrich Schiller. Anlass war der hundertste Todestag des Dichterfürsten. Die feierliche Enthüllung erfolgte am Sonntag, dem 25. Juni 1905 um 15 Uhr. Den musikalischen Teil besorgten der Niedergrunder Gesangverein und die Georgenthaler Stadtkapelle. Die Feierlichkeiten setzten sich abends mit einer Sonnwendfeier fort.7) Unter den zahlreichen Besuchern, befanden sich viele Mitglieder des Gebirgsvereines, des Initiators der gesamten Aktion. Der Vorstand des Exkursionsklubs, R. Walda, hielt die Festrede.8) Der sog. Schillerstein war kein übliches Denkmal. Die Abteilungen des Gebirgsvereines hatten hierzu jeweils einen für ihr Gebiet charakteristischen Stein geliefert,9) so dass die Steingruppe auch geologisch sehenswert war. Auf dem größten Steinblock, der aus Schluckenau stammte, wurde Schillers Porträt mit einer Bronzetafel und einer Widmung angebracht.
      Es kam der unheilvolle Zweite Weltkrieg. Nachher verfiel nicht nur die ganze Landschaft, auch der Tannenbergturm und die Gastwirtschaft wurden zu Ruinen. Von dem Denkmal entfernte man nach 1950 das Schillerporträt und später verwüstete man die gesamte Steingruppe. Die Sportler der Skivereinigung Slovan aus Warnsdorf richteten den Gedenkstein jedoch immer wieder her.10) Nach der Wende besserten sich die Zustände - nach der Erneuerung des Aussichtsturmes11) und des Restaurants wurde auch die Restaurierung des Denkmals in Angriff genommen. Die Gemeinde St. Georgenthal besorgte ein Medaillon mit Schillers Porträt und mit einer neuen Gedenktafel, die folgende tschechische Widmung trägt: "Friedrich Schiller - Dichter - (1759-1805) - gewidmet vom Gebirgsverein f. d. nördlichste Böhmen." Das Porträt und die Gedenktafel wurden vom Bildhauer Jan Pokorný aus Tetschen-Bodenbach aus weißem Marmor hergestellt.12) Die feierliche Einweihung des renovierten Gedenksteins erfolgte am 21. September 1996.13)
      Wenn man in alten Zeitungen blättert, stößt man manchmal auf die Angabe, dass das Denkmal am Tannenberg an Schillers Besuch erinnerte. Der Dichter hat zwar Prag, Eger, Karlsbad und Dux besucht, wo ihn der Graf Waldstein empfing und wo ihn Casanova begleitete, den Tannenberg hat er aber nie bestiegen und wusste auch kaum, wo er liegt.14) Die Ehrung berühmter Künstler war zu jener Zeit weit verbreitet. Auf ähnliche Weise wurde Schillers Jubiläum auch an anderen Orten gefeiert.15) Aus diesem Anlass entflammte zum Beispiel auch auf dem Böhmisch-Leipaer Spitzberg ein Höhenfeuer des Nordböhmischen Exkursionsklubs.16)

      Heutzutage brennen auf den Bergeshöhen keine Höhenfeuer mehr. Auch Denkmäler für hervorrageende Persönlichkeiten werden nicht mehr errichtet. Dafür eroberte die Technik den Tannenbergipfel. Im Jahre 1982 wurde neben dem steinernen Aussichtsturm ein Fernsehmast errichtet und 1997 ein weiterer 49 m hoher Sender.17) Auf der Silhouette des Berges ist er von weitem sichtbar und überragt sie wie ein Raumschiff. Wenn ich beim Wandern den Blick zum Tannenbergmassiv erhebe und das herausragende Ungetüm erblicke, senke ich mein Haupt lieber zur Erde. Ich möchte wenigstens in meinen Träumen den vertrauten und ungestörten Blick zum Horizont behalten - dem Herzen zur Freude und unserer hektischen Zeit zum Trotz.

Anmerkungen und Literatur

  1. Psalm 121,1.
  2. Dr. F. Hantschel: Nordböhmischer Touristenführer. B. Leipa 1896, S. 3.
  3. Dr. F. Hantschel: Der Tannenberg in der B. Schweiz. Aus Deutschen Bergen. Aussig a. E. 1891, Nr. 6 u. 7, S. 84.
  4. Der Gebirgsverein für das nördlichste Böhmen wurde im J. 1885 im Deutschen Haus (heute Beseda) in Schönlinde gegründet. Bald entstanden weitere Sektionen im Böhmischen Niederland, wie auch im breiten Umfeld des Lausitzer Gebirges, und er entwickelte eine vielseitige Tätigkeit.
  5. R. Pribil: Ein Bergfest in Nordböhmen. Aus Deutschen Bergen. Aussig a. E. 1891, Nr. 11, S. 170-172.
  6. Dr. F. Hantschel: Bericht über die 29. Jahreshauptversammlung des Nordböhmischen Exkursionsklubs. NEC, B. Leipa 1906, 29. Jg., S. 94-95.
  7. Warnsdorfer Zeitung Abwehr Nr. 49 vom 21. 6. 1905.
  8. Siehe Anm. 6.
  9. Auch jetzt kann man dort noch die Namen folgender Gemeinden lesen: Schluckenau, Hainspach, Zwickau i. B., Zeidler, Niedergrund, Warnsdorf, Alt-Ehrenberg, Wolfsberg - Gärten, Schönau, Khaa, St. Georgenthal, Rumburg, Krombach, Schanzendorf, Ob. Preschkau. Im J. 1997 legte jemand "aus Jux" einen Stein mit der Bezeichnung der tsch. Gemeinde Zábìhlice dazu.
  10. Warnsdorfer Zeitung Hlas severu vom 17. 10. 1972 und vom 13. 8. 1974, des weiteren die Georgenthaler Zeitung Permoník Nr. 11/1996.
  11. Die Rettung erfolgte in letzter Minute, und sie ist den Bemühungen des Georgenthaler Gemeindeamtes, der Sportgemeinschaft Slovan Varnsdorf und der Firma Krejèí zuzuschreiben, welche auch das Restaurant wieder aufbaute. Die feierliche Wiedereröffnug des Tannenbergturmes erfolgte am 3. Juli 1993 um 10 Uhr.
  12. Die ursprüngliche Gedenktafel überdauerte, zwar beschädigt, bis sie 1994 gestohlen wurde, weil sie aus Bronze war. Aus diesem Grund wurde auch das neue Porträt mit der Inschrifttafel aus Marmor hergestellt. Die Inschrift der Bronzetafel lautete: "Dem Gedenken Friedrich Schillers, der Gebirgsverein f. d. nördl. Böhmen. 1905."
  13. Zeitung Dìèínský deník vom 23. 9. 1996.
  14. A. G. Przedak: War Schiller in Nordostböhmen? NEC, B. Leipa 1905, 28. Jg., S. 220.
  15. Zu Ehren Schillers wurden damals Gedenksteine, Aussichtspunkte, Rastplätze, Quellen, Wäldchen, Bäume und Wege benannt. So gibt es den Schillerstein bei Oschitz und Graupen, die Schillerwarte am Grünberg bei Zwickau, die Schillerruh bei Hirschberg, die Schillerquelle bei Morgentau, ein Schillerwäldchen bei Kreibitz, eine Schillereiche in Böhmisch-Kamnitz und in Tetschen und letztlich einen Schillerweg bei Aussig und bei Graupen.
  16. Siehe Anm. 6.
  17. Ab 1972 führt zum Gipfel ein Skilift, an dessem Ende die Berghütte der Sportgemeinschaft Slovan steht. Als Bestandteil eines Sendemastes von 1982 besteht hier ein kleines Objekt aus Klingstein. Seitdem der Steinweg zum Gipfel Ende 1997 asphaltiert wurde, ist ein zunehmender Autoverkehr am Tannenberg festzustellen.

 


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