Lausitzer Gebirge
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Bibliothek des Lausitzer Gebirges

Felsbildnisse der Kunnersdorfer Schweiz

      Jede Landschaft hat einen eigenartigen Zauber, ihre Atmosphäre, ihre Seele, die unverwechselbar ist. Der Mensch, der sie als Heimat bewohnt, empfindet dies, bewusst oder unbewusst. So entwickelte sich ein zartes Band zwischen der Landschaft und ihren Bewohnern, die hier generationenlang ihren Lebensunterhalt fanden, ihre Behausungen bauten, sich freuten und zu Grabe getragen wurden. Diese unüberhörbare Stimme der Heimat prägte den Menschen, und dieser verstand es, darauf zu antworten. Zum Beispiel so, dass er seiner nächsten Umgebung Namen gab - eine Notwendigkeit, die sich aus der Abhängigkeit des Menschen von der Landschaft, in der er sich zurechtfinden musste, ergab. Jedes Gründel, jede Kuppe, jeder Felsen, jedes Wäldchen und jeder noch so kleine Bach, haben Namen erhalten. Wie verarmt ist dagegen unsere Landschaft heute! Die innige Beziehung der Bewohner zu ihrer Heimatscholle, widerspiegelte sich auch in den Volksliedern und in den heimatbezogenen Sagen.
      Das jahrhundertlange Zusammenleben der angestammten deutschen Bevölkerung mit ihrer Heimat kam aber auch sichtbar zum Ausdruck. So bemerken wir Unterschiede an alten Häusern, je nachdem, ob sie sich im Isergebirge, im Niederland oder im Oberland befinden. Wenn wir uns nach der Errichtung von Kreuzen oder Kapellen fragen, müssen wir oft feststellen, dass nicht immer "rationelle" Gründe vorliegen. Oft wurden diese kleinen sakralen Bauten "zur größeren Ehre Gottes" geschaffen und befinden sich an Stellen, mit denen sie buchstäblich verwachsen sind und den genius loci unterstreichen. Welch metaphysischer Einklang zwischen der Natur und dem menschlichen Streben!

      Derartige Landschaften, wo die Natur und die Menschenhand gleichsam in Übereinstimmung waren, findet man oft am Rande der Gebirge, wo es sich noch lohnte, den Grund urbar zu machen. Er wurde in harter Arbeit der Natur abgewonnen, doch nur soweit es die Bedingungen zuließen. So entstand Harmonie, wo natürliche Schönheit und wirtschaftliche Notwendigkeit sich verbanden.1) Als Prototyp solch einer vom Menschen mitgestalteten Landschaft betrachte ich die Daubaer Schweiz, aber beispielweise auch das Tal des Hammerbaches auf der Südseite des Lausitzer Gebirges. Im goldenen Zeitalter der Touristik, als die Bahnstrecke von Röhrsdorf nach Deutsch-Gabel ihren Verkehr aufnahm,2) bekam die Umgebung von Kunnersdorf bei Zwickau die zeitentsprechende Bezeichnung "Kunnersdorfer Schweiz". Die örtliche Sektion des "Gebirgsvereines für das nördlichste Böhmen" bemühte sich, diesem Titel auch Ehre zu machen. So wurde das Aussichtsplateau des Breiten Steines mittels einer in den Felsen mühevoll gehauenen engen Treppe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, ohne dabei das Ansehen des Felsens zu stören.3) Oben wurde ein Steintisch mit einer geographischen Orientierungstafel, Windrose und einer Sonnenuhr eingemeißelt. Die ehemalige Steinbruchswand neben der Aufstiegstreppe wurde zur künstlerischen Darstellung der Büste von Theodor Körner genutzt.4) Es war im Jahre 1913, aus Anlass des hundertsten Todestages des Dichters, als der Aussichtspunkt die neue Bezeichnung "Körnerhöhe" bekam. Ein anderer Felsblock am Zugangspfad von der Straße wurde zu einer Ruhebank zurechtgemeißelt und bekam den Namen "Karolinenruh", welcher noch heute an Ort und Stelle zu lesen ist.
      Viele Gegenden hatten ihre Dichter, Schriftsteller oder andere Künstler, welche die Seele der Landschaft spürbar machten. Das Isergebirge hatte seinen Gustav Leutelt, der Böhmerwald seinen Adalbert Stifter ... Auch die Kunnersdorfer Schweiz brachte zwei Künstler hervor, die es verstanden, im Geiste der Zeit ihre Heimat zu preisen. Beide stammten aus Kunnersdorf. Karl Bundesmann war dort k. k. Gendarmerie-Wachtmeister und sein Freund Karl Beckert Oberlehrer. Karl Beckert war gleichzeitig Obmann der Abteilung Kunnersdorf des Gebirgsvereines für das nördlichste Böhmen.5) Obzwar die beiden unterschiedliche Berufe hatten, verband sie eine Leidenschaft, worüber der neuzeitliche Landschafts- und Naturschutz empört wären - sie meißelten in die Sandsteinfelsen der nächsten Umgebung romantische Bildnisse. Auch die Arbeiten am Hohlstein sind ihr Werk. Der Herr Oberlehrer Beckert, im Bewusstsein des pädagogischen Grundsatzes eines anschaulichen Unterrichtes, unternahm hierher mit seinen Schülern heimatkundliche Ausflüge. Im Jahre 1910 schufen die beiden Volkskünstler am Totenstein im sog. Mühltal oder Müllerloch südlich von Kunnersdorf ein Hochrelief, auf dem Ritter Kuno auf bäumendem Ross und eine Jungfrau dargestellt sind. In Verzweiflung und Bedrängnis vor dem Verfolger stürzt sie sich in den Abgrund.6) Die Abbildung bezieht sich auf die Sage am Totenstein. Danach befand sich auf dem Höhenzug über dem Dorf eine Burg, die dem Ritter Kuno gehörte.7) Dieser hatte es auf die schöne Müllerstochter abgesehen. Eines Tages begegnet er ihr unter dem Schmiedsberg, als sie von den Großeltern zurückkehrt. Sie flieht voller Angst in den Wald und steht plötzlich vor dem tiefen Abgrund. Unten bildet der Hammerbach einen Sumpf. Das Mädchen springt in ihrer Angst in die Tiefe. Den dramatischen Schluss der Sage schildern folgende Verse:

"... Und sieh´ ein Engel breitet leise
Um´s fromme Weib die Flügel aus
Der Sprung gelingt ihm wunderweise
Und glücklich kommt es bald nach Haus.
Herrn Kunz begräbt sein Pferd im Falle,
Ein wilder Fluch - sein letzter Ruf!
Am Totenstein siehst du die Kralle
Von Teufelshand - vom Pferdehuf...8)

      Die beiden Volkskünstler schufen auch unweit vom Totenstein noch ein Brunnenbild. Dargestellt war ein alter, sitzender, müder, kranker Mann am Felsen, den eine junge Frau mit einem Krug Wasser aus einer Quelle labt. Das Motiv wurde nach Goethes Spruch "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!" gestaltet. Das Bildnis entstand im Jahre 1912 unweit der Karlsquelle, wurde aber schon nach zwei Jahren von bösen Jungen aus Lindenau zerstört und heute ist von ihm nichts mehr zu sehen. Der standhafte Wachtmeister mit Herrn Oberlehrer ließen sich aber nicht entmutigen. Als begeisterte Liebhaber ihrer Heimat arbeiteten sie weiter an der Markierung und Instandhaltung von Wanderwegen, der Errichtung von Ruhebänken und verrichteten andere Verschönungsarbeiten in der Kunnersdorfer Schweiz. Im Jahre 1934 renovierten sie die Sandsteinkapelle an der historischen Straße von Ober-Kunnersdorf nach Kleingrün (unterhalb des Hohlweges).9) Bei dieser Umgestaltung der Kapelle entstanden neue architektonische Details, wie z. B. Säulen. In den daneben liegenden Felsen wurde eine Bank eingemeißelt, auf deren Lehne bis heute der Name der Kunnersdorfer Abteilung des Gebirgsvereines f. d. n. B. zu lesen ist.

      Die Errichtung von Ruhebänken, die aus Felsen herausgehauen wurden, war in jener Zeit eine in Sandsteingebieten verbreitete Gewohnheit. Ich versuchte darauf einige Male zu sitzen, war aber im Unterschied zu anderen in den Felsen gehauenen Arbeiten von diesen Ruhebänken nicht begeistert. Aus gesundheitlichen Gründen würde ich sie jedenfalls nicht empfehlen, vielmehr verdienen sie die Bezeichnung "Verkühlungsbänke". Eine weitere "Verkühlungsbank" finden wir auch wenige Minuten von der Kunnersdorfer Felsenkapelle entfernt. Sie liegt versteckt an einem romantischen Ort, geschützt durch einen Felsüberhang. Näheres erfahren wir von einer ovalen Schrifttafel: "KARLSRUHE - zu Ehren unseres Herrn Obmannes Oberlehrer Karl Beckert - Gebirgsverein f. d. n. B. , Abt. Kunnersdorf". Diese Ruhebank hat gegenüber den üblichen "Verkühlungsbänken" einen Vorteil - am Sitz und auf der Lehne sind Holzlatten angebracht. Sie können darauf noch heute, also nach mehr als sechzig Jahren, ohne Gefahr Platz nehmen! Ein Beweis, dass die Kunnersdorfer Gebirgsvereinsmitglieder ihren Obmann wirklich ins Herz geschlossen hatten.

Anmerkungen und Literatur

  1. Heute würde man von Ökologie und Ökonomie sprechen.
  2. Sie war von 1905 bis 1975 in Betrieb.
  3. Diese Sehenswürdigkeit, sowie das Reservat, das hier 1955 errichtet wurde, bekamen ihren Namen nach dem morphologisch interessanten Sandsteinfelsen, dem Hohlstein. Sie werden heutzutage mit der Übersetzung "Dutý kámen" bezeichnet. Unter Naturschutz steht besonders der säulenförmige Aufbau des hiesigen Sandsteines. Dieses ansonsten seltene Phänomen entstand durch die Einwirkung des Vulkangesteins Polzenit auf den Sandstein. Der Kontakt des glühenden Polzenites, dessen Ader den ganzen Rücken entlang läuft, verursachte die Verfestigung des Sandsteines entlang dieser Ader. Der Sandstein konnte so besser den Erosionskräften widerstehen und wurde bei gleichzeitiger Anhebung in seine heutige Gestalt eines langgezogenen Rückens auspräpariert. Nur die Randgebiete zerfielen in einzelne Sandsteinfelsen und Türme. (P. Havránek: Dutý kámen. Památky a pøíroda 1/1982, S. 59 - 60.)
  4. Theodor Körner (1791-1813) studierte in Freiberg und Leipzig, 1812 ließ er sich in Wien nieder, wo er 1813 Hoftheaterdichter wurde. Seiner Gedichtsammlung folgten Operntexte, Lustspiele und Dramen, die Schillers Idealismus verpflichtet sind. Im Jahre 1813 trat Körner in die Lützowsche Freischar ein und fiel im selben Jahr im Gefecht bei Gadebusch. Die Gestalt des Sängers und Kämpfers Körner lebte in heldischer Verklärung im Volksbewusstsein noch im 20. Jahrhundert. Das Symbol der Leier und des Schwertes ist am Hohlstein im Kranz, der das Körnerrelief umgibt, abgebildet.
  5. Der Bildhauer Karl Beckert war anfangs Lehrer in Kleingrün, später in Kunnersdorf, wo er im Haus Nr. 143 wohnte. Nach der Vertreibung aus der Heimat starb er in Frankfurt am Main am 19. 4. 1950. Karl Bundesmann starb einige Jahre nach ihm. (Schriftliche Mitteilung vom Sohn des Bildhauers, Karl Beckert, der 1904 in Kleingrün geboren wurde. Im Jahre 1984 wohnte er in Magdeburg, J.-Becher-Straße 75.)
  6. Unter dem Bildnis ist eine kleine Gedenktafel aus Metall angebracht mit folgendem Text: "Gebirgsverein f. d. n. B. , Abt. Kunnersdorf. Die Sage vom Totenstein. Aus Liebe zur Heimat ausgeführt im Jahre 1910 von Karl Beckert, Lehrer und Karl Bundesmann, k. k. Gend. Wachtmeist. i. R."
  7. Nach alter heimatkundlicher Literatur kommt der Name Kunnersdorf vom böhmischen Ritter Kuno (Konrad), dessen Burg am Schlossberge gestanden haben soll. (D. Koch: Heimatkunde des Schulbezirkes Deutsch-Gabel. Deutsch-Gabel um 1905, S. 60.)
  8. Das Gedicht verfasste der Bürgerschuldirektor Josef Friedrich aus Zwickau. Nach einer anderen im Volk verbreiteten Version rettete das Mädchen kein Engel, sondern ihr weiter Faltenrock; der Ritter versank jedoch mit seinem schweren Pferd in dem Sumpf des Hammerbaches.
    Verfolgte Jungfrauen sprangen von Fesenhöhen auch anderswo. Eine ähnliche Sage wird z. B. auch vom Jungfernstein bei Rodewitz erzählt (Dr. F. Hantschel: Nordb. Touristenführer, 2. Ausgabe, S. 290. B. Leipa 1907.) und vom Bachstein bei Niederkreibitz. (L. Schlegel: Das Böhmische Niederland. Im Sagenkranz der Heimat, S. 8. Rumburg 1928.)
  9. Am Giebel dieser Marieenkapelle ist zu lesen "Zur Ehre Gottes erbaut 1834, erneuert 1934" und oberhalb der Tür steht "Gebirgsverein Kunnersdorf". Die Kapelle wurde als Ersatz für die abgetragene Dorfkapelle zur Zeit der Erbauung der Kunnersdorfer Kirche im Jahre 1834 aus einem Felsen herausgehauen.

 


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