Lausitzer Gebirge
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Bibliothek des Lausitzer Gebirges

Von Kirchsteigen und Leichenwegen

      Beim Wandern kann einen vieles in der Landschaft beeindrucken. Mancher bewundert die Natur, ein anderer die Volksarchitektur, der dritte beobachtet Tiere, der nächste sammelt Pilze. Mich beeindrucken Wege. Sie sind unglaublich unterschiedlich, so unterschiedlich wie die Lebenswege jedes einzelnen Menschen.
      Mich faszinieren diejenigen Wege, die bis heute nicht befestigt sind. Man kann sich vorstellen, wie sie sich allmählich in die Landschaft einfügten, wie sie durch jahrhundertelanges Begehen und Befahren zum Vorschein kamen. Sie symbolisieren das Wirken ganzer Generationen, wo sich jeder einzelne unbewusst mit seinem winzigen Anteil verewigte, der ihm in der Geschichte gebührt. Die menschlichen Schicksale vermischen sich dabei mit der Geschichte der Erdscholle, die wir bewohnen. Die im Gelände ausgetretenen Wege und Trampelpfade sehen ganz anders aus als die neuzeitlichen, am Reißbrett der Projektanten entstandenen. Aus Weglinien, von langen Epochen hervorgebracht, spürt man einen ähnlichen Instinkt, der auch die Zugvögel auf ihren langen Reisen zum Ziel leitet oder der die Ameisen auf ihren Pfaden führt.
      Spuren von historischen Wegen findet man vorwiegend in Wäldern. In der Agrarlandschaft wurden sie meist durch die schnelle Entwicklung der Landwirtschaft verwischt oder überackert.1) Für den Erhalt der alten Pfade war das gegliederte und bewaldete Gelände des Elbsandsteingebirges besonders geeignet. Nicht alle Wege hatten denselben Rang. Einige dienten als Fernverbindungen zwischen Böhmen und Sachsen, andere verbanden menschliche Siedlungen miteinander. In den Wäldern finden wir am häufigsten Waldwege, die der Forstwirtschaft dienen. Manche machen den altertümlichen Eindruck eines tiefen Hohlweges, sie entstanden überwiegend bei der Holzabfuhr und durch die sich anschließende Wassererosion.

      Eine besondere Gruppe unter den Wegen sind die Leichen- oder Totenwege. Solch außergewöhnlichen Flurnamen tragen Nebenwege, die oft durch Wälder und Felder führen. Geht man der Bezeichnung nach, entdeckt man meist, dass sie ein Dorf oder einen Weiler ohne Friedhof mit einer Gemeinde mit Friedhof verbinden. Sie sind nicht nur in Böhmen, sondern auch in Deutschland oder Österreich verbreitet.2) Manche Quellen behaupten, dass ein Weg, auf dem Leichen gefahren wurden, als öffentlich galt und den Eigentümer verpflichtete, das Fahren und das Gehen auf diesem Weg zu dulden. Um diese alte Rechtssitte sicherzustellen, hielt man an dem Flurnamen Totenweg fest.3)
      Zwei solche Pfade, die auch Kirchsteige genannt wurden, überschreiten den Kamnitzbach oberhalb von Herrnskretschen, wo sich dessen Lauf durch die Klamm zwängt. Die Überschreitung der Schlucht war aber unumgänglich, denn zur Pfarrei Rosendorf, welche laut Papstzehentregister bereits 1352 bestand, gehörten auch die Gemeinden Hohenleipa (bis 1784) und Stimmersdorf auf der entgegengesetzten Bachseite. Möglichkeiten zum Überqueren boten einige Seitenschluchten, wo sich bis zum heutigen Tag Sandsteintreppen erhalten haben. Wer hier durchgestiegen ist, wird mir Recht geben, dass er ordentlich ins Schwitzen gekommen ist. Besonders beschwerlich muss es im Winter oder bei Glatteis gewesen sein. Oft gab es keine andere Möglichkeit, wenn man den großen Umweg über Herrnskretschen vermeiden wollte. Die Chronik erwähnt, dass bei schlechter Witterung acht Träger benötigt wurden, um mit dem Sarg sicher durch den Stimmersgrund nach Rosendorf durch zu kommen. Oftmals passierte es, dass sich durch ein plötzliches Wanken der Sarg öffnete und die Leiche herausfiel. An langen Abenden wurden dann diese Begebenheiten weitererzählt. Es entstanden schauerliche Geschichten, und so war manchen Leuten bange, die Leichenwege zu benutzen. Wenn man in einer Gruppe ging, wurde nur halblaut gesprochen.
      Heute ist die Bedeutung der Leichenwege in Vergessenheit geraten.4) Statt Leichenzügen begegnen wir auf dem jetzt grün markierten Steig von der Stimmersdorfer Brücke nach Stimmersdorf in der Urlaubszeit Kolonnen schnaufender Touristen.
      Ein anderer Leichenweg führte von der Kirche in Preschkau über die Flur Hopfengarten nach Falkenau. Auch der ist ganz vergessen, und wir erfahren über ihn nur aus einer Bemerkung des Preschkauer Chronisten. Danach wurde 1914 bei einer Wegabzweigung im Wald an einem Baum folgende Inschrift angebracht: "Bis 1786 wurden die Falkenauer Leichen auf diesem Wege auf den Preschkauer Friedhof gebracht."5)

      Aus entlegenen Gemeinden führten zu den Kirchen nicht nur Leichenwege, sondern auch sogenannte Kirchsteige. Oft handelt es sich um ein und denselben Weg. Die Kirchsteige wurden natürlich öfters benutzt. Man ging hier an Sonn- und Feiertagen zur Kirche. Die Ärmeren trugen ihre Kinder zur Taufe oder gingen zur Hochzeit zu Fuß, weil das Geld nicht für ein Fuhrwerk reichte, das einen längeren Fahrweg benutzen musste. Jedes Dorf hatte seinen eigenen Kirchsteig, sofern es keine Kirche hatte. Man findet sie bestimmt in ganz Europa. In unserer Heimat sind folgende Kirchsteige auf alten Karten verzeichnet: zwischen Oberlichtenwalde und Großmergthal, nördlich von Niedergrund bei Tetschen, zwischen Schneeberg und Rosenthal (er wurde auch Leichenweg genannt), zwischen Jonsdorf und Arnsdorf, des Weiteren zwischen Hohenleipa und Dittersbach und unter dem sächsischen Lilienstein. Die Kirche des hl. Martin von Zeidler war jahrhundertelang die Pfarrkirche für die weite Umgebung.6) Zu ihr führten mindestens drei Kirchsteige, einer aus dem sächsischen Hinterhermsdorf, weitere aus Fürstenwalde und Kunnersdorf. Die beiden letzten vereinten sich beim Grünen Kreuz im Wald nördlich von Zeidler und führten dann gemeinsam zur Kirche.
      Ein Kuriosum stellt Rennersdorf dar, aus dem in der Vergangenheit gleich drei Kirchsteige führten - nach Westen, Süden und nach Osten. Grund dafür war die wechselnde kirchliche Zugehörigkeit. An allen drei Steigen befinden sich bis heute Reste von Ruheplätzen, wo Kreuze oder Kapellen die Kirchgänger zu einer kurzen Andacht bewegen sollten. Das vorherige Kapitel führte uns von der Prokopikapelle westwärts nach Dittersbach. Nun wollen wir die entgegengesetzte Richtung zur Kirche nach Kreibitz einschlagen. Der Kreibitzer Steig verlor seine Bedeutung im Jahre 1787, als Rennersdorf von der Seelsorge Kreibitz getrennt und der Religionspfarre Dittersbach zugewiesen wurde. Einige Wegabschnitte führten die heutige Straße entlang, andere haben den typischen "Kirchsteigcharakter" mit Stufen und Kapellen. Die Straße von Rennersdorf zu den Bachhäusern bei Kreibitz überwindet das große Gefälle durch eine scharfe Straßenkurve, welche von unserem Kirchsteig abgekürzt wird. Gleich hinter dem letzten Rennersdorfer Haus erblicken wir rechts am Fels eine ausgehauene Nische, die von einem profilierten Gesims geschützt wird. Den Zugang zur Nische bildeten Stufen, die sich mit einem Felsblock gelöst haben und herabgerutscht sind. Die Kapelle wirkt verkommen und verlassen. (Eine ähnliche barocke Felsenkapelle finden wir auch etwas weiter auf unserem Weg am Fuße des Bachsteins, direkt an der Straße bei den Bachhäusern.)
      Die Abkürzung führt uns durch die Kirchheide steil bergab zu einer Stelle, wo die Straße auf deen Kreibitzbach stößt. An einem hervorstehenden Felsen erblickt man eine leere Nische,7) umrahmt von einer Frakturinschrift: "Jesus vergib Mir Meine Sünde. 1697. Der Heylige Geist sey stets in Meinen ©. George Ferdinandt Weydlich - Schrauben Macher." Als ich im Staatsarchiv über Georg Ferdinandt Weydlich nachforschte, fand die Archivarin einige Einzelheiten.8) Weshalb er die Dreifaltigkeitskapelle errichten ließ, erfuhr ich aber nicht. Die Kapelle diente auf alle Fälle als Andachtsstelle am Kirchsteig. Der Grund zur Errichtung ähnlicher Kapellen oder Kreuze ist etwas, was uns heute fremd ist. Man kann es Volksfrömmigkeit nennen. Der tiefere Sinn blieb mir lange verborgen, ich war nicht imstande, ihn zu erfassen.
      Bis auf einmal. Es war kurz nach der Wende, in der Nähe des Böhmerwaldes. Auf tschechischer Seite der Grenze zogen sich noch hie und da Reste vom Stacheldrahtzaun, das Begehen der Grenzwälder war aber nicht mehr gefährlich. Ich wanderte mit Freunden auf der Oberpfälzer Seite, unweit des Städtchens Eslarn. An jenem Tag suchten wir erst spät nach einem Nachtlager. In einem Gehöft am Waldesrand brannte Licht. Wir begaben uns etwas abseits, um keine Aufmerksamkeit zu wecken und legten unsere müden Körper unter die breiten Äste einer Fichte zur Nachtruhe ... Ich habe einen leichten Schlaf und wache früh auf. Diesmal weckte mich aber ein sonderbares Geräusch. Ich dachte erst, dass ich noch träume, aber das Geräusch wurde immer lauter ... Ich richtete mich im Schlafsack auf und erblickte eine Menschenschlange, wie sie sich auf einem Steig bergab zum Ort begab. Das monotone Gesäusel, das von der Ferne einem natürlichen Geräusch ähnelte, wurde plötzlich verständlich - die Menschen beteten den Rosenkranz! Das Raunen des Gebetes wurde immer schwächer, bis es verstummte. Mir war, als ob ich über meinem Haupt das Geräusch von vorbeifliegenden Gänsen wahrgenommen hätte, deren Schwarm in der Ferne verschwand. Jetzt läuteten im Tal die Glocken - es war Sonntag. So ähnlich muss es bei uns zu Hause vor Jahrhunderten gewesen sein! Wallfahrer!
      Der Erscheinung, die ich damals in der Oberpfalz erlebte, bin ich seitdem nie mehr begegnet. Höchstens bei den Ameisen. Wenn sich die Sonne mit ihren Strahlen an die Ameisenhaufen lehnt, werden sie lebendig. Dann begeben sich die kleinen Wesen auf ihren Pfaden in Bewegung und feiern Sonntag.

Quellennachweis und Anmerkungen

  1. Zur Wandlung des mittelalterlichen Straßennetzes kam es überwiegend erst im Laufe des 18. Jahrhunderts. Damals legte man Fernstraßen mit befestigter Oberfläche an, die Poststraßen genannt wurden. Sie mieden allzu große Steigungen, traversierten schräg die Hänge oder führten entlang der Höhenlinien. Diese Straßen, welche meistens bis heute benutzt werden, bildeten schon eine Vorstufe der Entwicklung des neuzeitlichen Straßennetzes des 19. und 20. Jahrhunderts.
  2. In tschechischen Siedlungsgebieten werden sie überwiegend als Umrlèí cesta, Umrlèina oder Umrlèice bezeichnet. (L. Olivová: Názvy cest, po nichž se ubíraly pohøební prùvody. In: Zpravodaj místopisné komise ÈSAV, 20. Jg., Heft 5, S. 554-557. Praha 1979.)
  3. Totenwege. In: Beiträge zur Heimatskunde, S. 126. Warnsdorf 1935.
  4. Auf alten Bestandskarten findet man einen "Leichenweg" oder "Leichensteig" etwa 1 km südöstlich von Hohenleipa (Staatsarchiv in Tetschen-Bodenbach). Aus den Karten ist ersichtlich, dass die Leichenzüge dann weiter durch das Tal des Bielebaches zur Kirche in Dittersbach gelangten. Diese Bezeichnungen stammen also aus jener Zeit, als die Hohenleipaer nicht mehr den beschwerlichen Weg durch die Kamnitzklamm nach Rosendorf unternehmen mussten, sondern nach Dittersbach eingepfarrt waren. Ein anderer Leichenweg führte von Schönlinde nach Kreibitz (siehe die 15. Fortsetzung) und noch ein anderer von Neuohlisch, wo der Friedhof erst 1877 angelegt wurde, nach Güntersdorf (mündliche Mitteilung von Richard Michel aus Neuohlisch Nr. 23, im J. 2002 wohnhaft in 7000 Stuttgart 1, Saphirweg 2). Im benachbarten Sachsen finden wir die Bezeichnung Leichenweg z. B. nördlich vom Lilienstein.
  5. F. Meixner: Ortskunde von Preschkau, S. 34. Preschkau 1914. Falkenau ist heute ein Ortsteil von Kittlitz. Als 1782 die Kittlitzer Kirche vollendet wurde und man hier bald auch zu begraben begann, verlor der Leichenweg nach Preschkau seine Bedeutung.
  6. Nach 1945 war dieses Gotteshaus dem Verfall preisgegeben und am 18. Februar 1975 wurde es gesprengt.
  7. Die Lage der Kapellennische ist auch dadurch bemerkenswert, dass hier die Grenzen von drei Katastralgemeinden - Niederkreibitz, Rennersdorf und Kaltenbach - aneinandertreffen. Die Kreuzzeichen dieser Grenzmarkierungen sind am Kapellenfelsen noch gut zu erkennen. Der Rennersdorfer Chronik zufolge war die Kapelle um 1900 vermoost und die Inschrift nur schwer zu entziffern. Anfang des 20. Jahrhunderts ließ MUDr. Rothe aus Stadt-Kreibitz diese Kapelle durch einen Neukreibitzer Maler renovieren und die Inschrift verdeutlichen. Jahrzehnte verflossen und die Natur verrichtete wieder ihr Werk. Durch einen glücklichen Zufall landete beim Heimatfreund Rainer Marschner in Wolfsberg eine alte Fotoglasplatte mit der Aufnahme dieser Kapelle. Der Bodenbacher Künstler Jan Pokorný schuf danach eine Kopie des Dreifaltigkeitsbildes, das im Frühjahr 1995 in der Kapelle angebracht wurde, leider aber schon drei Jahre später verschwand.
  8. Weydlich wurde 1652 geboren und wohnte ab 1677 in Rennersdorf. Seine beiden Söhne - Christian (*1683), ab 1723 Richter in Rennersdorf, und Hans Georg - wurden ebenfalls Glasmacher, damals Schraubenmacher genannt, ein Beruf, der früher in mehreren Rennersdorfer Häusern ausgeübt wurde. Sie erzeugten für gläserne Flaschen Verschlüsse, die Schrauben genannt wurden - daher die Bezeichnung Schraubenmacher. Außerdem waren sie Mitglieder der Steinschönauer Glasmacherzunft. Die Weydlichs gehörten zu den angesehensten Rennersdorfer Familien. Sie besaßen das Gehöft Nr. 1, ein Glöckelhaus, das auch als Gasthaus "Zur Böhmischen Schweiz" bekannt war und in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts abgebrannt ist.

 


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