Lausitzer Gebirge
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Bibliothek des Lausitzer Gebirges

Der Waldsteinfelsen bei Neuhütte

      Unsere heutige Wanderung führt uns zu keinem Denkmal im eigentlichen Sinne, sondern wir besuchen einen geheimnisvollen Ort - nämlich einen Felsen mit merkwürdigen Zeichen und alten Jahreszahlen. Ich fand den Ort aufgrund einer Erwähnung in meiner geliebten Zeitschrift "Mitteilungen des Nordböhmischen Exkursionsklubs". Darin wird berichtet, dass unweit des Bahnwärterhauses an der Strecke von Tannenberg nach Falkenau in der Örtlichkeit Silbergruben links an den stark mit Moos überwucherten Sandsteinwänden folgende Inschriften und Jahreszahlen vorhanden sind: KH 1769, BFM 1748, 1719 GOLD GE NVG (= Gold genug). Zwischen den einzelnen Buchstabengruppen sollten sich gekreuzt Schädel und Fäustel und einfache Strichzeichnungen befinden.1) Das Waldrevier Silbergruben habe ich zwar der Landkarte nach gefunden, aber die Inschriften und vor allem die besagte Menge Gold waren wie vom Erdboden verschwunden.

      Mein Herumsuchen blieb aber doch nicht ganz ohne Erfolg. In der Nähe fand ich hinter dem Waldsteinteich einen Sandsteinfelsen von ungewöhnlichem Aussehen, der aus sechs Sandsteinpfeilern gebildet wird. Der höchste von ihnen trägt oben ein eingemeißeltes Kreuz, unter ihm ein "Wappenschild" mit gekreuzten Schlüsseln. Darunter sieht man einen eingeritzten Kelch, drei kleine Andreaskreuze, die Jahreszahl 1699 (doppelt) und sogar die Zeichnung einer Geige. Auch an der Seitenwand des höchsten Pfeilers und am Pfeiler daneben findet man die verschiedensten Abbildungen, Zeichen und Jahreszahlen, die älteste vom Jahre 1534. Einige gleichen Steinmetzzeichen,2) andere werden den sogenannten Walen oder Welschen zugeschrieben. Diese Abenteurer suchten in unseren Grenzgebirgen nach Erzen und Halbedelsteinen, wenn man den Sagen glaubt, die in der Umgebung früher erzählt wurden. Der Aufenthalt der Welschen ist nicht nur im Lausitzer Gebirge bekannt, sondern auch im Iser- und Riesengebirge und auch im Harz. Sie verwendeten neben den üblichen Zeichen eines Kreuzes und eines Schlüssels auch eine Fülle von anderen Zeichen, wie z. B. eine ausgebreitete Hand oder eine Wolfsangel. Mit den alchimistischen Zeichen sollen sie auf das Vorkommen von verschiedenen Metallen aufmerksam gemacht haben.3)

      Eine Aufschlüsselung des Gewirres rätselhafter Informationen aus vergangenen Jahrhunderten ist heute kaum mehr möglich. Sicher bleibt, dass irgendetwas die Menschen schon immer hierher gezogen hat. Die Einzigartigkeit dieses Ortes zeigt schon ein beiläufiger Blick auf die Landkarte. Bei dem Wallteich oder Waldsteinteich, der von den Kittlitzern auch Wohlständer Teich genannt wurde, treffen die Bäche von den Hängen des Mittelberges, des Hanfkuchens und des Großen Buchberges zusammen. Der Bach, der dem Teiche entspringt, wurde Wallbach, Wohlbach, volkstümlich auch Wolstnerbach genannt.4) Er fließt später als Kamnitzbach in Richtung Böhmisch-Kamnitz und Herrnskretschen, wo er zu Bootsfahrten angestaut wird und in die Elbe mündet. Heute kann man kaum glauben, dass auf dem Oberlauf vom Teich bis nach Falkenau Holz geflößt, besser gesagt getriftet, wurde.5) Der angestaute Teich wurde hierzu soweit wie nötig abgelassen, und das Klafterholz schwamm auf der Flutwelle bis zur nächsten Brettsäge in Nieder-Falkenau.6) Am Wallbach soll unweit des Teiches auch ein Erzhammer gestanden haben, und in der Nähe des Teiches gab es auch einen Stollen.7) Einige Zeichnungen oder Jahreszahlen an unserem Felsen können aus dieser Zeit stammen.

      Neben der geheimnisvollen Botschaft, die in vergangenen Zeiten in die Felswand geritzt wurde, blieb uns noch eine wichtige schriftliche Nachricht über den Waldsteinfelsen erhalten. Es handelt sich um ein Grenzprotokoll vom 16. Juli 1555, das bei der Gelegenheit einer Grenzbereinigung zwischen der Leipaer (eigentlich Bürgsteiner) und der Reichstädter Herrschaft entstand. Darin heißt es: "Von beiden Seiten wurden die Raine gezeigt, angefangen von dem Grab auf dem Rothen Hübel bis weiter zu dem Kleinen Auschperg, bis sie über einen Graben zum Walstein kamen, wo sich die verschiedensten Zeichen eingehauen befinden, wie bergmännische Hammer, Marken, ein Kelch und zwei Schlüssel mit einem Kreuz.8) Der Fels teilt die Leipaer und Reichstädter Herrschaft, und was oberhalb des Felsens liegt, gehört dem Schleinitz. Die andere Seite, damit nicht einverstanden, besagte, dass der Walstein zu Reichstadt gehörig sei und verwies hinunter auf den Teufels- und Kamnitzbach, an deren Zusammenfluss die Grenzen beginnen. Der erstgenannte Bach komme von dem Dreiländereck der Leipaer, Schleinitzer und Reichstädter Herrschaft. Später gingen sie über das Prunflos, welches auch Bornflössel heißt und kamen dann auf den Großen Auschperg. Dann führte der Umgang wieder herab zum Rothen Hübel, auf diesen herauf über den Weg von Falkenau nach Rygrstorf bis sie zur Grube unweit des Grabes kamen. Das Berainingsgericht bestimmte, daß die echten Grenzen von der Brücke des Kamnitzbaches über den Großen Auschperg bis zum Rothen Hübel laufen9)..."

      Versuchen wir nun nach Jahrhunderten einiges aus dem Grenzgang verständlich zu machen. Die waldreiche Landschaft inmitten des Lausitzer Gebirges, das damals seinen Namen noch nicht besaß, inspizierte eine Kommission, die aus sog. Feldgeschworenen beiderseits gebildet war. Sie zeigten sog. gelachterte Bäume an und handelten den Grenzverlauf aus. In jener Zeit erfolgte die Kennzeichnung der Grenzen vorrangig durch Bäume bzw. an Bäumen. Ein auf der Grenze stehender Baum, der als Grenzpunkt bestimmt war, wurde gelachtert (oder gelochtert), indem er mit einem Zeichen, einem Lachter oder Lochter versehen wurde, meist in der Form eines Kreuzes. Beim Großen Auschperg handelt es sich um den Aschberg (652 m) östlich von Kittlitz, der Rothe Hübel lag wohl etwas südlicher von ihm. Mit dem Weg nach Rygrstorf ist der Weg nach Röhrsdorf gemeint. Den Leser dieser alten Schrift überrascht heute vielleicht die Erwähnung eines Grabes. Das Protokoll von 1555 besagt nichts näheres darüber. Von Grenzgängen aus anderen Gegenden wissen wir, dass die Feldgeschworenen einen besonderen Eid ablegten und an die Erlösung ihrer Seele erinnert wurden, um kein falsches Zeugnis abzulegen: " An Ort und Stelle, wo das Gericht verlief, war ein Grab gegraben worden und die Zeugen schwörten, im Grabe dabei stehend." Was für eine Wirkung diese Bräuche auf die Zeugen haben konnten, darüber gibt es eine Erwähnung aus Bilin vom Jahre 1613: "Es wurden ihnen fünf Gräber gemacht, daß jeder Zeuge einzeln beschwöre, ansonsten als ob er sofort hier sterben solle. Einer wurde gleich stumm vom falschen Schwur in seinem Grabe und als Toter fortgetragen. Ein anderer siehe die große Mänge Würmer, Käfer und Regenwürmer in seinem Grabe, wurde ganz blaß und zitterte am Leib, sodaß er gleich tot vor Schmerz weggetragen wurde und seit Lebens so arg zitterte, daß er sein Essen nicht zu sich nehmen konnte."10)

      Bei der Grenzregelung am Waldsteinfelsen ist es zu ähnlichen schauderhaften Vorkommnissen zum Glück nicht gekommen. Die Grenze wurde durch gelachterte Bäume gekennzeichnet, später erfüllten Rainsteine diese Rolle. Den Verlauf der ehemaligen Herrschaftsgrenze übernahm in der Neuzeit die Grenze der Bezirke Tetschen und Böhmisch Leipa (heute Dìèín und Èeská Lípa). Auch die tiefen und unübersichtlichen Wälder rauschen hier genauso wie vor Jahrhunderten, als eine herrschaftliche Grenzkommission darin herumirrte und wo vorher unbekannte Menschen die geheimnisvollen Zeichen in den Waldsteinfelsen ritzten.

Anmerkungen und Literatur

  1. NEC, 47. Jg., S. 52, Böhmisch Leipa 1924.
  2. Z. B. findet man hier das Zeichen der sog. Wolfsangel. Es handelte sich ursprünglich um einen Haken zum Töten von Wölfen. An seiner Spitze befestigte man als Köder ein Stück Fleisch. Dann wurde die Wolfsangel in einer bestimmten Höhe an einen Ast gehangen, damit sich dem Wolf beim Hinaufspringen und Schnappen nach dem Fleisch die Wolfsangel in sein Maul einspieße... Wie grausam sind wir Menschen!
  3. Eine ähnliche Zeichengruppe ist in den Silberwänden oberhalb von Herrnskretschen vorhanden. Einige von den Zeichen gleichen jenen beim Waldsteinteich wie ein Ei dem anderen. Über die Walenzeichen wird im 12. Teil dieses Buches näher berichtet.
  4. Im Tschechischen wird heute der gesamte Bach vom Wallteich bis zur Elbe als Kamenice, also Kamnitzbach, bezeichnet. Die ältesten belegten Namensformen des Teiches sind Waldstein Teich (1826), Wahl-steine Teich (1860) und Wahl Teich (1861). (Landkarten der Herrschaft Böhmisch-Kamnitz, die im Tetschen-Bodenbacher Staatsarchiv gelagert sind.) Nach einigen Namensformen des Teiches oder Baches zu schließen, könnten die Bezeichnungen auf die oben erwähnten Walen oder Welsche zurückgehen. Auch wenn das Vorhandensein der geheimnisvollen Zeichen unbestreitbar ist und auch wirklich mit den Walen zusammenhängen kann, liegt bei der Namensdeutung des Teiches die Entwicklung "Wallteich von Wald-Teich" näher an der Wirklichkeit. Die ursprüngliche Form Wald-Teich entspricht der Psychologie der Namensgebung. Romantische Namensdeutungen, die sog. Volksetymologie, waren besonders im 19. Jh. sehr verbreitet, oft wurden sie als glaubwürdig angenommen und wurden zum festen Bestandteil der Toponymie der Region. Die tschechische Übersetzung nach 1945 wich diesem Problem aus, indem der Teich als Hranièní rybník, d. h. Grenzteich, benannt wurde. Grund war die hier verlaufende Bezirksgrenze.
  5. E. Neder: Heimatkunde des Elbegaues Tetschen, S. 49. Höflitz 1922.
  6. Es handelte sich wohl um die spätere Zinkschusters ( Wenzels) Brettsäge.
  7. Siehe Punkt 1.
  8. Es geht um Zeichen, die bis heute am Felsen vorhanden sind. Unter Marken ist wohl das "Wappen" mit gekreuzten Schlüsseln, also die Hausmarke einer gewissen Person, zu verstehen.
  9. Archiv èeský, díl XXX., S. 234-240. Praha 1913. Der Text des Protokolls ist gekürzt wiedergegeben.
  10. Z. Winter: Kulturní obraz èeských mìst. 2. díl, S. 662-663. Praha 1892.

 


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